Gedicht: Schadenfreude

Hie auf dieser Liebes Matt
Cupido vor dreien Tagen,
Weil er nichts zu schaffen hat,
Wollt sein Zelt und Lager schlagen:
Ach Cupido kleiner Schelm,
Wie machst du so große Wunden.

Als er nun ins Grüne kam,
Dieses hier dort das wolt sehen,
Venus bei der Hand ihn nahm,
Doch wolt er nicht mit ihr gehen, ach Cupidon. usw.

Lief bald vor das Bienen Haus,
Wolt ein wenig Honig lecken,
Eine kroch zum Korb heraus
Und flog nach dem jungen Gecken, ach Cupidon. usw.

Cupido bald her bald hin,
Hätt sich gern vor ihr verkrochen,
Doch die Bien flog stets auf ihn,
Bis er von ihr war gestochen, ach Cupidon. usw.

Als er seinen Finger schaut,
Wie er armsdick aufgeloffen,
Fing er an zu schreien laut:
O weh Mutter, ich bin troffen! Ach Cupidon. usw.

O Weh liebe Mutter bald,
Ich muß an dem Stich verderben,
O Weh, ich lauf in den Wald,
Lasse mich drinn Hungers sterben. Ach Cupidon. usw.

Helft und helft ihr nicht geschwind,
Stürz ich mich in einen Brunnen,
Wie bald kann ein armes Kind
Als ich, in der Hitz verbrennen, ach Cupidon. usw.

Rach o liebste Mutter Rach,
Ich werd noch verzweiffeln müssen,
Helft, ich spring sonst in den Bach,
Oder will mich selbst erschiessen, ach Cupidon. usw.

Venus sprach vor Zorn kein Wort,
Endlich nahm ein Hand voll Ruthen,
Wart, ich will dich bringen fort,
Daß dir soll der Hintern bluten, ach Cupidon. usw.[362]

Hab ich dirs nicht vor gesagt,
Du solt stupfens müssig gehen,
Wer nicht folgen will der wagt.
Komm her, laß den Finger sehen, ach Cupidon. usw.

Ey du ungerathner Sohn,
Dir ist eben recht geschehen,
Das ist dein verdienter Lohn,
Wilt nicht mit der Mutter gehen, ach Cupidon. usw.

Indem bükt sie ihn herum:
Halt ich will dich lehren sitzen,
Gß‘ gß‘ noch einmal so kum,
Dann will ich dich besser fitzen, ach Cupidon. usw.

Cupido fiel auf die Erd,
Ha! wie that ihn das verdriessen,
Und wie ein zaumloses Pferd,
Schlug um sich mit Händ und Füßen, da Cupidon. usw.

Ach mein, klag dich nicht so sehr,
Sprach sie, und bald laß die Possen,
Denk‘ daß du wohl andre mehr
Unverschuldet hast geschossen, ha Cupidon. usw.

Deine Pfeil sind voller Gift,
Und gehn richtig zu dem Herzen,
Was aber den Finger trift,
Das ist nur ein Kinderscherzen. Ha Cupidon. usw.

Thuts dir schon ein wenig weh,
Darfst dir drum nicht lassen bangen,
Eh du dreimal Steh und Geh,
Sagst, so wird es sein vergangen. Ach Cupidon. usw.

Wen der lose Vorwiz sticht,
Und solch Leckerey will treiben,
Dem gerath es anders nicht,
Drum sollst bei der Mutter bleiben.
Ach Cupidon kleiner Schelm,
Wie machst du so große Wunden!

Du Stupfer, du Hauser,
Du Rupfer, du Zaußer,
Du Lecker, du Lauser,
Du Schlecker, du Mauser,
So soll es dir gehn,
Recht ist dir geschehn,
So soll es dir gehn!!!

Achim von Arnim und Clemens Brentano: Des Knaben Wunderhorn

Illustration: Midjourney AI

Was bedeutet Schadenfreude?

Im Wörterbuch der Philosophischen Grundbegriffe; Kirchner, Friedrich / Michaëlis, Carl; Leipzig 1907

Schadenfreude heißt die Lust an fremdem Unglück. Dieser verwerfliche Affekt hat drei Stufen: die erste, am meisten entschuldbare, ist die Freude, sich von der fremden Unlust frei zu wissen. Diese Art Schadenfreude empfindet man selbst geliebten Personen gegenüber, und in ihr liegt der Reiz und Anstoß zum Mitleid (the luxury of pity, wie Spencer sagt). Wir fühlen uns erhaben über den, welchen wir bemitleiden. Schlimmer als diese echt menschliche, wenn auch für sich nicht sittliche Schadenfreude ist das Vergnügen über das Übel, welches unseren Feind trifft. Diese Schadenfreude ist das Kind des Hasses. Wir gönnen dem Feinde das Übel geradezu, weil wir ihn hassen, und kein Mitleid mischt sich mildernd ein. Der Haß entschuldigt jene, soweit Erklärung als Entschuldigung gelten kann; er kann als ein Grund für die Denkweise, wenn auch als ein verwerflicher, gelten. Geradezu boshaft, ja teuflisch aber ist die[520] dritte Stufe der Schadenfreude, welche in Grausamkeit übergeht, und die entsteht, wenn der Mensch, bloß um sich an fremder Unlust zu freuen, gegen andere, die ihm gar nichts getan, direkt tätlich vorgeht. Sie ist z.B. da vorhanden, wo jemand einen Blinden absichtlich zu Falle bringt, einen Fremden irreführt, auf Menschen Hunde hetzt u. dgl. m. Diese Schadenfreude nennt Kant (1724-1804) qualifiziert, Schopenhauer(1788-1860) ein antimoralisches Motiv. Nietzsche (1844-1900) lobt sie. Der junge Don Carlos ( 1568) und Iwan der Schreckliche ( 1584) besaßen z.B. diese Schadenfreude. Vgl. Neid, Mitgefühl.

Im Wörterbuch der Gebrüder Grimm

SCHADENFREUDE, f. freude über den schaden anderer Adelung, petulantia Serz 131a: alles kann ich eher vergeben, als schadenfreude. Weisze kinderfr. 3, 115; oft machte er (Rübezahl) nur den plagegeist aus boshafter schadenfreude. Musäus volksm. 1, 33 Hempel; wenn ich den ungesitteten ausbruch seiner schadenfreude mit dem zahn zusammen halte, den er seit langer zeit gegen sie hat. Gotter 3, 335; weil .. das lustspiel überhaupt immer etwas schadenfreude bei dem zuschauer voraussetzt oder erweckt. Göthe 26, 197; man empfieng ihn mit einem gesicht, worauf schadenfreude und entrüstung mit schrecklichen farben sich mahlten. Schiller 3, 568;

die schadenfreude ists, wodurch sie sich
an eurem glück, an eurer grösze rächen.
braut von Messina 1, 4.

In Kleines deutsch-lateinisches Handwörterbuch, Hannover und Leipzig 1910

Schadenfreude, malevolentia od. umschr. voluptas ex malo alterius sine emolumento suo (Vergnügen an dem Übel des andern). – invidorum gaudium (Freude der Scheelsüchtigen). – Sch. empfinden, haben, laetari alienis malis; gaudere malis alterius.

Bild: Des Lehrers Leid