Mit airotic.net habe ich ein weiteres Projekt gestartet – und zugegeben eines mit einem Namen, der erst einmal die Augenbrauen hebt. „Airotic“ ist ein Kofferwort aus „Erotic“ und „AI“, und es benennt einen Bereich, über den im deutschsprachigen Raum erstaunlich selten nüchtern gesprochen wird: die Schnittstelle von künstlicher Intelligenz und menschlicher Intimität.
Dabei geht es ausdrücklich nicht um das, was der Name auf den ersten Blick vermuten lässt. airotic ist keine Sammlung anzüglicher Inhalte, sondern der Versuch, ein Thema ernst zu nehmen, das gerade vom Rand in die Mitte unseres Alltags rückt. KI-Begleiter, die zuhören und sich erinnern. Chatbots, in die sich Menschen verlieben. Bildgeneratoren, die Wünsche auf Knopfdruck bedienen. Roboter, an denen Forscherinnen und Forscher seit Jahren über Nähe, Einwilligung und das Wesen von Beziehungen streiten.
Der Ausgangspunkt ist eine einfache Beobachtung: KI dringt nicht nur in unsere Arbeit und unser Wissen vor, sondern auch in die intimste Sphäre überhaupt – in das, was wir Begehren, Nähe und Beziehung nennen. Und kaum irgendwo sind die Fragen heikler. Was macht es mit uns, wenn ein Gegenüber jederzeit verfügbar ist und nie widerspricht? Was bedeutet Einwilligung, wenn eine der beteiligten „Parteien“ eine Maschine ist? Verlernen wir etwas, wenn Zuwendung zur Dienstleistung wird – oder gewinnen manche Menschen dadurch etwas, das ihnen sonst verwehrt bliebe?
airotic nähert sich diesen Fragen nicht über reißerische Schlagzeilen, sondern über die Menschen, die seit Jahren ernsthaft darüber nachdenken. Den Anfang macht eine Reihe von Porträts: die MIT-Psychologin Sherry Turkle, die früh die Einsamkeit in unserer Vernetzung beschrieb; David Levy, der schon 2007 Liebe und Sex mit Robotern für unausweichlich hielt; Kathleen Richardson, die mit ihrer „Campaign Against Sex Robots“ genau das Gegenteil vertritt; dazu der Philosoph John Danaher, die Forscherin Kate Devlin, der Maschinenethiker Oliver Bendel und die Rechtswissenschaftlerin Jeannie Suk Gersen. Und als literarischer Urahn E. T. A. Hoffmann, der mit der Automatenfrau Olympia bereits 1816 die Blaupause der „KI-Freundin“ geschrieben hat.
airotic ist dabei eng mit meinem Projekt aiciety verbunden, das sich allgemeiner mit einer zunehmend von KI durchdrungenen Gesellschaft befasst. Wenn aiciety die große Landkarte ist, dann ist airotic die Tiefenbohrung in eines ihrer heikelsten Felder: Identität und Beziehungen.
Die Seite ist noch jung und derzeit englischsprachig; ob eine deutsche Fassung folgt, wird sich zeigen. Wer sich für die kulturellen, philosophischen, rechtlichen und psychologischen Seiten dieses Themas interessiert – jenseits von Aufregung und Anzüglichkeit –, den lade ich herzlich ein, einmal vorbeizuschauen: airotic.net.

