Gastbeitrag von Marcus Pretzell
Anmerkungen zu Björn Höckes Buch „Nie zweimal in denselben Fluss“ (Björn Höcke im Gespräch mit Sebastian Hennig)
Die Natur der Auseinandersetzung politischer Protagonisten und der medialen Öffentlichkeit lebt von der meist oberflächlichen Betrachtung nahezu jedes Themas und seiner Protagonisten und krankt zugleich ernsthaft an diesem Dilemma. So wie persönliche Zitate verkürzt und zugespitzt werden, fehlt aus verschiedenen (Beweg)Gründen häufig ebenso der biografische Hintergrund. Portraits können diesen liefern, sind aber in ihrer Aussage vergleichbar mit dem individuellen Pinselstrich eines beliebigen Malers, der im Werk vor allem seine Weltsicht transportieren möchte.
Umso authentischer sind freiwillige Äußerungen in Büchern oder Artikeln, die frei von der Hektik der täglichen Berichterstattung sind. Um solche handelt es ich in dem o.g. Dialog-Buch, das seit seiner Veröffentlichung im Jahr 2018 keine mediale Beachtung erfahren hat. Das Dialog-Buch ist eine ausgedehnte schriftliche Unterhaltung des Publizisten Sebastian Hennig mit Björn Höcke, bei der man formatbedingt davon ausgehen kann, dass beide Beteiligte sich gedanklich und verbal darin wiederfinden.
Ich habe insbesondere den politischen Teil einer Prüfung unterzogen. Dieser Teil beginnt auf S. 257 und ist mit „Krise und Renovation“ überschrieben.
Seite 263/264: F: „In der von Ihnen genannten Dichtung Ovids erfahren wir von Jupiters Entscheidung, das unfähige und gottlose Menschengeschlecht mittels Sintflut zu vernichten – aber mit dem Versprechen, ein neues, besseres Geschlecht zu schaffen.
B.H.:Vor diesem drastischen göttlichen Eingriff sollten wir Menschen selbst einen Versuch der Erneuerung wagen.“
Höcke sieht die Menschheit vor dem endgültigen existenziellen Ende. Seinen politischen Ansatz, betrachtet er als letzte Möglichkeit der Menschheitsrettung.
Seite 265/266: „Ein funktionierendes Gemeinwesen bedarf auch einer produktiven Wirtschaftsordnung, die ein ausgewogenes soziales Gefüge generiert und nicht die Kluft zwischen Reich und Arm vergrößert – sie wird als post-kapitalistisch sein, ohne in einen lähmenden Sozialismus alter Machart zu verfallen.“
Höcke lehnt den Kapitalismus ab. Den Sozialismus lehnt er hingegen nur in seiner „alten Machart“ ab. Daraus folgt logisch, dass es um einen neuen Sozialismus geht, sofern man ihm nicht Ungenauigkeit in der Wortwahl vorwerfen möchte, was an einer so wesentlichen Stelle des Buches kaum anzunehmen ist, wenn er schon darauf verzichtet, die Wirtschaftsordnung positiv zu beschreiben und eine Abgrenzung nur als Ablehnung vornimmt.
Seite 267: Frage: Für die drohende Nachtmeerfahrt bedarf das Volk einer spirituellen Orientierungshilfe? „Ja, auf jeden Fall. Aber angesichts des schlimmen Zustandes unserer christlichen Kirchen wird es ohne eine erneute Reformation in Deutschland nicht gehen.“
Höckes betrachtet eine Reformation des christlichen Glaubens in Deutschland als Voraussetzung für eine Umsetzung seiner Politik.
Seite 268 „Wir brauchen im Grunde eine neue Volkskirche, […] Sicherlich sollte sie fest in der Kultur des Volkes verankert sein. […] Eine neue Volkskirche müßte die tradierte Volksfrömmigkeit, die sich bis heute in verschiedensten Bräuchen und Ritualen erhalten hat, mit der idealistisch-romantischen Vorstellung einer beseelten Natur und dem ursprünglichen spirituellen Impuls des Christentums verbinden – ohne gleichzeitig in Widerspruch zu den Erkenntnissen der Naturwissenschaften zu geraten.“
Wie er zuvor eine neue Religion schon zur Voraussetzung seiner Politik gemacht hat, so setzt er hier detaillierter fort. Mit Bräuchen und Ritualen sind eindeutig nicht christliche gemeint, sonst müsste man sie mit dem christlichen spirituellen Impuls nicht verbinden. Näher liegt es, Reste heidnischer germanischer Bräuche anzunehmen, die sich im Osterfest oder dem Weihnachtsfest auch des Christentums wiederfinden. Auch hier bleibt Höcke aber im Ungefähren und gibt nur mit der „beseelten Natur“ einen weiteren entsprechenden Hinweis in diese Richtung. Die Forderung nach einer Volksreligion findet sich aber auch an anderer Stelle des Buches, sodass man von einiger Wichtigkeit dieser Frage für Höcke ausgehen darf.
Seite 271: „Die damit verbundene Beschränkung in einer Dimension kann zu einer verstärkten Entfaltung in einer anderen Dimension führen. Zum Beispiel, indem man die Bescheidung im Materiellen mit der Vertiefung des Immateriellen sinnvoll kompensiert.“
Der Gang ins Kloster wäre sicher eine nützliche Erfahrung für Herrn Höcke, für ein Volk aber wohl kein allgemeingültiger Lebensentwurf.
Seite 280: „Wie eine neue europäische Architektur genau aussehen wird, kann man jetzt noch nicht sagen. Grundlage sollte, wie gesagt, die Achtung der nationalen Souveränität sowie der kulturellen und ethnischen Eigenständigkeit sein.“
Die ethnische Eigenständigkeit der europäischen Völker untereinander verlangt Höcke. Mithin die ethnische Trennung von Spaniern, Franzosen, Briten, Deutschen.
Seite 280: „Allein aufgrund unserer geopolitischen Lage haben wir Deutschen ein großes Interesse an einem gedeihlichen Modus vivendi mit unseren Nachbarstaaten und befreundeten Völkern und Stämmen.“
Das steht da wirklich: „Völkern und Stämmen“! Darauf folgt die Frage:
„Das geht in Richtung einer neuen Großraumordnung, wie sie von Carl Schmitt Ende der 1930er Jahre entwickelt wurde.“
Höcke bleibt schwammig, aber lehnt es nicht ab. Deutschland quasi als regionale Hegemonialmacht Europas in Abgrenzung und in Ablehnung jeder Einmischung anderer regionaler Hegemonialstaaten wie den USA in Amerika, Russland und China in Asien. Ist es das, was Höcke tatsächlich glaubt, umsetzen zu können? Dass das friedlich nicht umsetzbar ist, versteht sich eigentlich von selbst.
Seite 285/286: „Wir haben natürlich eine idealtypische Vorstellung, ein vielleicht etwas verklärtes Bild von unserem Volk, aber es dient als Leitstern für unsere Aufgabe der Selbstveredelung – wie es heute bereits in viel kleinerer Dimension bei der individuellen „Selbstoptimierung“ verbreitet ist. […] Jedem Ding und Leben dieser Welt – auch einem Volk – ist die Aufgabe der Selbstentfaltung mitgegeben. Um nun als Deutsche wieder zu einem vollwertigen, eigenständigen und differenzierten Volk zu werden, brauchen wir weniger die Not als Zuchtmeister, als eine fordernde und fördernde Elite, die unsere Volksgeister wieder weckt.“
Die politische Linke nennt es die Schaffung des neuen Menschen. Der alte muss verschwinden, damit der neue Mensch entstehen kann. Bei Höcke gilt diese Vorstellung für das Volk. Wir brauchen eine Fortentwicklung zur Existenzberechtigung. Das Individuum spielt hier längst keine Rolle mehr. Man denkt unwillkürlich an das „Lebensborn-Projekt“, auch weil Höcke es tunlichst unterlässt, seine Vorstellung einer Fortentwicklung zu beschreiben. Wie muss ein Angehöriger des deutschen Volkes denn aussehen und seinem Wesen nach sein, damit er als Mitglied des vollwertigen, eigenständigen und selbstoptimierten Volkes durchgeht? Der zweite Aspekt ist der Eliten-Gedanke. Nicht das Volk aus sich heraus entwickelt sich fort, sondern eine Führungs-Elite weist dem Volk den Weg dorthin. Ganz neu ist der Gedanke nicht. Die SS war ein Männerorden. Heinrich Himmler verkündete 1929, er wolle zukünftig aus der SS eine Sippengemeinschaft von Männern und Frauen formen, eine rassische Oberschicht des germanischen Volkes als Führungselite eines von den Nazis beherrschten Europas.
Seite 286: Frage: Aber ist das Volk überhaupt in der Lage, sich selbst aus dem Sumpf herauszuziehen? „Machiavelli bestritt das ja vehement. Er ging von einem „Uomo virtuoso“ aus, der nur als alleiniger Inhaber der Staatsmacht ein zerrüttetes Gemeinwesen wieder in Ordnung bringen könne.“
Na endlich, möchte man fast sagen. Da ist er, der finale Gedanke vom Führerstaat. Machiavelli beschreibt mit dem „Uomo virtuoso“ den Anführer, der nach einem totalen Zusammenbruch der staatlichen und moralischen Ordnung die alleinige Führung übernimmt und das Volk als guter Despot in eine segensreiche Zukunft führt. In diesem Satz liegt die ganze kühl kalkulierte Perversion des Höckeschen Politikansatzes. Er verlangt nämlich zunächst den totalen staatlichen und moralisch-sittlichen Verfall, also die Verzweiflung der Massen, ohne die niemand sich auf einen Despoten Höcke einlassen würde. Der virtuose Höcke braucht das totale Scheitern und Versagen anderer Ideologien und alter Ordnungen. Erst danach kann er sein Genie entfalten. Primärziel ist nicht die Verhinderung der schlimmsten Auswüchse dessen, was man von Grünen Ideologen zu befürchten hat, sondern vielmehr deren möglichst zügige und vollständige Umsetzung und nachfolgendes Scheitern. Eine AfD bei 30% zum jetzigen Zeitpunkt wäre für Höcke ein Problem, die von ihm formulierten Bedingungen für den Erfolg seines Politikansatzes wären nicht gegeben. Höcke beschreibt in seinem Buch vage, aber erkennbar nahezu alle Aspekte des deutschen Faschismus, des Nationalsozialismus. Beginnend mit einem anderen Sozialismus über die Anknüpfung an germanische Volksreligionen, Optimierung des Volkes, ethnische Abgrenzung, Führungselite des Volkes, bis hin zum Führergedanken, findet man das gesamte Arsenal dieser Ideologie. Man könnte schmunzeln bei dem Gedanken, so absurd wirkt das Ganze auf mich, wenn da nicht ein Satz wäre, bei dem ich geneigt bin, ihm zuzustimmen:
Seite 257/258: „Ein paar Korrekturen und Reförmchen werden nicht ausreichen. Aber die deutsche Unbedingtheit wird der Garant dafür sein, daß wir die Sache gründlich und grundsätzlich anpacken werden. Wenn einmal die Wendezeit gekommen ist, dann machen wir Deutschen keine halben Sachen.“
Seine Anhänger und Verteidiger werden darauf verweisen, dass auch ich Höcke bewusst falsch und nachteilig interpretiere, wie er selbst in seinem Buch beklagt, dass das häufig geschehe. Er erwähnt das von ihm so genannte „Denkmal der Schande“ und beklagt die Fehldeutung dieser Bezeichnung des Holocaust-Mahnmals durch ihn. Er schreibt: „Gemeint war eindeutig: Wer sonst außer den Deutschen stellt seine eigene Schande in den Mittelpunkt des nationalen Gedenkens?“ Der Redeabschnitt über das „Denkmal der Schande“ ist häufig zitiert, aber er wird immer verkürzt und damit verfälschend zitiert. Üblich und bekannt ist das folgende Zitat: „Wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“ Und in der Tat, ersetzt man „Denkmal der Schande“ in diesem Zitat, mit der Deutung „Denkmal unserer Schande“, ergibt der Satz immer noch Sinn. Man könnte also zu Gunsten von Höcke annehmen, dass er es so gemeint hat, wie er dies nun auch in seinem Buch selbst schreibt. Schauen wir aber auf das vollständige Zitat, wie Höcke es in Dresden sagte:
„Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal der Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat.“
Und jetzt lesen wir die Sätze mit der von Höcke behaupteten Auslegung: Wir Deutschen – und ich rede jetzt nicht von euch Patrioten, die sich hier heute versammelt haben – wir Deutschen, also unser Volk, sind das einzige Volk der Welt, das sich ein Denkmal unserer Schande in das Herz seiner Hauptstadt gepflanzt hat. Der Einschub zu den anwesenden Patrioten, belegt Höckes unehrlichen Umgang mit seiner Rede; sie ist ihm offenkundig peinlich. Von einem Denkmal „unserer“ Schande kann gar nicht die Rede sein. Er nimmt die anwesenden Patrioten nämlich ausdrücklich davon aus, sich dieses Denkmal zu Eigen gemacht zu haben. Als weiteres Indiz kann folgender Ausschnitt aus derselben Rede Höckes herhalten:
„Liebe Freunde, die Bundespräsidenten dieser Republik, die haben keine Geschichte geschrieben… [Gelächter] …und sie haben sehr wenig bedeutsame Reden gehalten. Eine der bedeutsamsten Reden, die von einem Bundespräsidenten gehalten wurde, das war die Rede von Richard von Weizsäcker am 8. Mai 1985. [Applaus] Das war eine rhetorisch wunderbar ausgearbeitete Rede, stilistisch perfekt. Richard von Weizsäcker war ein Könner des Wortes. Aber es war eine Rede gegen das eigene Volk und nicht für das eigene Volk.“
Man kann die Weizsäcker-Rede schwerlich als Rede gegen das eigene Volk interpretieren, wenn man das Mahnmal als „Denkmal unserer Schande“ betrachtet. Höcke selbst zitiert die Passage nie vollständig, was zumindest den Schluss zulässt, dass ihm die Schwäche seiner Argumentation bewusst ist. Dem Bürger und Wähler sollte eine Warnung sein, was Höcke schreibt und sagt.
Jeder kann sich mal vergreifen. Die wenigsten tun es ständig.
Es handelt sich hier um einen aktualisierten Thread, den Marcus Pretzell 2021 als Thread auf X – seinerzeit noch twitter – veröffentlicht hat.
Bild: Midjourney AI


Hallo Severin,
von Twitter hierher…
Deine Beispiele sind leider Musterbeispiele für „aus dem Kontext reißen“. Erstens ignorierst Du 2/3 des Buches. Ich gebe zu, dass es am Ende zunehmend „fahrig“ wird, da scheint nicht mehr so viel Energie in’s Ausarbeiten der Thesen gegangen zu sein wie vorher. Aber konkret zu Deinen Beispielen:
Seite 263/264: Es geht nicht um Endzeit, es geht um Kritik an der Moderne und ihrem Dekonstruktivismus. Dagegen setzt Höcke eine „erweiterte Fortführung“ der schöpferischen Stränge der Neuzeit. Das ist eine legitime kulturwissenschaftliche Position. Davon, dass er das als „letzte Möglichkeit der Menschheitsrettung sieht, steht weit und breit nichts.
Seite 265/266: Hier gebe ich Dir recht. Höckes wirtschaftspolitische Vorstellungen, soweit er sie in dem Buch entwickelt, kann ich nicht recht einordnen. Kapitalismus nein, Sozialismus nein, aber irgendwas gutes und gerechtes. Kleinteilig, menschennah, wie früher, der Müller mahlt das Mehl und der gute Bäcker backt das gute Brot. Das ist blanke Romantik, wenig konkret. Aber in der Tat habe ich mit diesem seinem Verständnis von Wirtschaft im 21. Jh die größten Probleme mit seinen Ausführungen.
Seite 267: „Höckes betrachtet eine Reformation des christlichen Glaubens in Deutschland als Voraussetzung für eine Umsetzung seiner Politik.“ Nein, das tut er nicht, das steht da nirgendwo. Er beklagt, dass sich die Kirchen in Deutschland vom Kirche-sein verabschiedet haben und zu NGOs mit angeschlossenem Gebetshausbetrieb gewandelt haben. Mit dieser Kritik steht er nicht alleine.
Seite 268: Doch, er redet von tradierter Volksfrömmigkeit. Und natürlich sind hier die christlichen Bräuche und Rituale gemeint. Im übrigen schreibt er zwei Sätze vorher, dass er das auch gar nicht genauer ausführen könne und dazu als Parteipolitiker gar nicht berufen sei. Danach kommen also ein paar Denkansätze, wie man aus den NGO-Kirchen wieder Kirchen machen könnte, die die Menschen im 21. Jh akzeptieren. Und so falsch sind die nicht – ich muss mir nur anschauen, wie sich meine Ex synkretistische Yogarituale zur Sonnenwende zusammenbastelt. Johannismette würde sie aber in ner katholischen Kirche auch kriegen. Und so sind zigtausende drauf in Deutschland. Das ist nix anderes als der Wunsch nach Spiritualität, den die Kirchen nicht mehr bedienen. Das äußert Höcke, mehr nicht. Da rein zu interpretieren, dass er „heidnische und germanische“ Riten meint, ist unredlich. Es steht da nicht. (Im übrigen sind die natürlich in die christlichen Rituale eingegangen, geht ja schon mit dem Datum des Weihnachtsfestes los).
Seite 280: Versuche doch mal, den Spaniern, Franzosen, Briten zu erklären, dass sie rechtsextrem seien, wenn sie ihre ethnische Homogenität als Volk behalten wollen. Oder geh eine Etage tiefer und versuche das mit Katalanen, Sorben, Korsen, Schotten, Friesen oder Sizilianern. Aka „Stämmen“. Viel Vergnügen.
Herrgottsakra, diese Unterschiede sind doch das schöne an Europa. Was ist schlimm daran, die erhalten zu wollen? Sonst schreien wir an allen Ecken und Enden nach Diversität, aber wenn man es schön findet, dass Leute in unterschiedlichen Gegenden sich von Leuten in anderen Gegenden auch als Gruppe in ihrer Lebensart unterscheiden, dann ist das rechtsextrem?
Seite 280: Nein, er bleibt nicht schwammig. Er verweist im Gegenteil auf den liberalen Friedrich Naumann, der „die Idee eines föderativen Mitteleuropas mit einer engen wirtschaftlichen Zusammenarbeit“ in die politische Debatte eingebracht hatte. Es geht Höcke – wie der gesamten AfD – nicht um eine Hegemonie Deutschlands, es geht ihm darum, die hegemoniale, ademokratische Superstruktur „EU“ wieder loszuwerden, und statt auf Zentralismus zu setzen, wieder auf „unterschiedliche Mentalitäten, Entwicklungsstände und Besonderheiten der europäischen Völker Rücksicht zu nehmen“.
Seite 286: Auch hier wieder eine, man muss schon fast sagen, böswillige Interpretation Deinerseits. Ausgangspunkt seiner Ausführungen ist nämlich die Frage „Ist unser Volk in seiner Zerissenheit und Identitätskrise dazu überhaupt willens und in der Lage“ (nämlich insb. die Völkerwanderung, die aktuell im Gange ist, irgendwie in den Griff zu kriegen). Und dann geht es darum, was ein Volk ausmacht, eint, zusammenhält. Er sagt ja sogar selbst, dass er da auch etwas verklärt. Und er sieht da ein Elitenversagen – meines Erachtens zu recht, denn die Auflösung des deutschen Volkes ist ein von oben kommendes Elitenprojekt. Die Zerissenheit und Identitätskrise ist nicht irgendwie entstanden, sie wurde gezielt als politisches Projekt herbeigeführt. Wo soll das Problem sein, ein politisches Projekt zu formulieren, den Prozess wieder in die andere Richtung laufen zu lassen? Und die Verantwortung dafür ebenfalls bei genau den Eliten zu sehen, die heute noch in die andere Richtung laufen? Du machst hier einen Konnex mit SS, Himmler und Lebensborn auf – nichts, absolut nichts davon ist dem Text zu entnehmen. Die Eliten, die Höcke meint, sind Politiker, Medien, Wirtschaftsbosse, Lehrer und sonstige Multiplikatoren. Das, was man üblicherweise heute mit Eliten bezeichnet.
So. Ich mach hier erstmal einen Punkt. Muss mich jetzt mal um den Broterwerb kümmern. Vielleicht mach ich demnächst hier nochmal weiter.
Aber um auf Deine bei Twitter gemachte Aussage zurückzukommen: Nichts von diesen Statements ist rechtsextrem. Konservativ ja, manchmal romantisch das 19. Jahrhundert verklärend, manchmal etwas reaktionär. Aber niemals rechtsradikal (mit dem Hauptmerkmal der Kompromisslosigkeit), geschweige denn rechtsextrem (mit dem Hauptmerkmal, seine Ideen auch gegen Recht und Gesetz umsetzen zu wollen).
„Geh vom guten Willen aus“ ist eigentlich eine Grundregel unserer Gesellschaft („Hochvertrauensgesellschaft“ nennt das Höcke im übrigen. Und ich finde, das passt. Das unterscheidet den Westen von vielen anderen Gesellschaften. Das ist unsere Stärke wie unsere Achillesferse). Wann wurde es eigentlich normal, statt genau zuzuhören und zu verstehen zu suchen, immer die böswilligste Interpretation von Selbstverständlichkeiten zur Bestätigung bestehender Vorurteile zu nutzen?