Erfahrungsbericht: Warum ich als trockener Alkoholiker offen über meinen Alkoholismus spreche

Seit spätestens 2016 bin ich schwerer Alkoholiker: ohne den morgendlichen Vokda kam ich nicht mehr durch den Tag, Alkohol bestimmte mein Leben. Aufgeschrieben, wie ich in diese massive Alkoholabhängigkeit rutschte, habe ich hier.

Inzwischen bin ich nach dem dritten Anlauf seit dem 24.  Januar 2020 trocken und fühle mich gut dabei. Dass ich mich damit so wohl fühle, hat sicher viele Gründe, ein wichtiger ist aber, dass ich extrem offen mit meinem Problem umgehe.

Eigentlich ist ja Alkoholismus ein Thema, über das man nicht spricht – zu groß ist die Angst vor Nachteilen im Beruf und einer Stigmatisierung im Freundeskreis. Trinkt man, versucht man den übermäßigen Konsum zu verbergen: Wo verstecke ich die Vodkafläschchen? Wie verhindere ich, dass man die Fahne riecht? Hat mein Chef heute was gemerkt? Wie kann ich jetzt unauffällig noch ein Glas Wein bestellen? Heimliches Trinken macht Stress und kann dadurch blöderweise den Saufdruck weiter erhöhen – ein Teufelskreis. Die wenigen Menschen, die das Problem kannten – engste Familie und wenige Kollegen – rieten allerdings zum Schweigen.

Trinkt man nichts, versucht man das ebenfalls zu verschleiern. Und erst recht, dass man deswegen in einer Behandlung ist.

Dass ich Mitte Februar 2020 in eine Entzugsklinik ging, wussten dementsprechend nur sehr wenige, für die Öffentlichkeit war ich in einer Reha wegen eines Bandscheibenvorfalls. Darüber, wie ich damit später dauerhaft umgehen sollte, habe ich anfangs nur wenig nachgedacht.

Die erste Bewährungsprobe folgte wenige Tage nach meiner Entlassung aus der Klinik. Meine neue Lebensgefährtin stellte mich einer guten Freundin vor, die wie selbstverständlich ein Sektglas aus dem Schrank holte: Mein herausgepresstes „Jetzt bitte nicht, ich trinke ein Wasser.“ wurde nicht weiter hinterfragt, es gab ja spannendere Dinge zu besprechen. Puh, geschafft.

Danach sprach ich mit meiner Partnerin aber darüber, wie man in Zukunft mit solchen Situationen umgehen sollte. Denn es war ja klar, dass das jetzt immer wieder passiere würde. Und die üblichen Ausreden wie „Nein danke, ich nehme Antibiotika.“ oder „Ich habe Kopfweh.“ funktionieren vielleicht ein- oder zweimal, aber nicht auf Dauer. Was also tun? Auf ihren Vorschlag „Sag, wie es ist“, reagierte ich zuerst sehr zurückhaltend, beschloss dann aber es mit dieser Offenheit zu probieren.

„Magst Du auch ein Glas Wein.“ „Nein danke, ich trinke nicht!“ „Musst Du noch fahren?“ „Nein, ich bin trockener Alkoholiker.“ Wumms.

So ähnlich verlief das erste diesbezügliche Geständnis bei Freunden. Und statt eine verlegene Stille entstehen zu lassen, erzählte ich kurz meine Geschichte, was – für mich in diesem Moment verblüffend – mit großem Interesse verfolgt und dann mit Respekt kommentiert wurde.

In Erinnerung wird mir auch der Abend in einer Bonner Bar bleiben. Wir trafen auf eine Gruppe, bei der gemeinsame Bekannte dabei waren. Ich bestellte ein alkoholfreies Bier – zu der strittigen Frage, ob trockene Alkoholiker das überhaupt trinken sollten, habe ich übrigens hier etwas geschrieben – und prompt sagte jemand: „Was ist denn mit Dir los? Bist Du Alkoholiker?“ „Ja, bin ich.“ Als ich dann anfing, die ganze Geschichte zu erzählen, hörte die ganze Gruppe zu und es gab viele Rückfragen.

Zusammengefasst kann ich sagen: Es gab bisher nie eine negative Reaktion, wenn ich von meiner Alkoholkrankheit erzählte. Ganz im Gegenteil. Und viele Freunde, Bekannte und Kollegen nahmen das zum Anlass, sich selbst kritisch mit ihrem eigenen Alkoholkonsum auseinanderzusetzen.

Davon beflügelt,  beschloss ich, mein erstes Jahr ohne Alkohol auf twitter öffentlich zu machen, siehe das Bild oben. Das Feedback auf den tweet war überwältigend. Natürlich gab es – in sozialen Netzwerken nicht anders zu erwarten – auch negative Reaktionen, aber diese blieben die großen Ausnahme und ließen sich mit einer Hand abzählen. Vielmehr bedankten sich viele – auch per privater Nachricht – dass ich das Thema aus dem Schatten hole und zeige, dass auch auf den ersten Blick ganz normale Menschen ein großes Problem mit Alkoholsucht haben können. Zudem konnte ich den ein oder anderen konkreten Ratschlag zum Umgang mit der Krankheit geben, woraus sich auch dauerhafte Kontakte ergeben haben, mit denen ich mich über Suchterfahrungen austausche.

Seitdem habe ich hier im Blog einiges über Alkoholismus geschrieben, bin an einem Buch dran und bringe immer mal wieder was dazu auf twitter.

Und dieser offene Umgang mit meiner Schwäche hilft mir sehr dabei, trocken zu bleiben: Ich muss keine dummen Ausreden erfinden, warum ich nichts trinke. Durch den Freundeskreis und auch die twitter Öffentlichkeit gibt es eine weitere soziale Kontrolle, ich kann mir die Seele vom Leib schreiben oder reden und es hilft mir, wenn ich weiß, dass ich den ein oder anderen für das Thema sensibilisieren konnte und kann.

Natürlich ist der Schritt, so offen mit seiner Sucht umzugehen, eine individuelle Entscheidung, die gut überlegt sein will. Ich habe sie aber nicht bereut und kann daher nur jeden ermutigen, sich für diesen Gedanken und Schritt frei und offen zu machen. Für mich ist dieser offene Umgang jedenfalls sehr erleichternd und hat viele Fesseln gelöst.

Alkoholiker zu sein ist keine Schande. Eine Schande ist es, den Stab über Alkoholiker zu brechen.

Dieser Beitrag ist Teil meiner Serie mit eigenen Erfahrungsberichten rund um meine Alkoholsucht. Die ganze Geschichte finden Sie hier.

Und wenn Sie selber einen Erfahrungsbericht hier veröffentlichen wollen, schreiben Sie mir einfach an stapublic@live.de!

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