Songtext: Rumpelstilzchen (Franz Josef Degenhardt)

Wenn morgens schon die Schule brennt
Wenn ein Pfarrer aus der Kirche rennt
Ein Schutzmann in die Pfütze fällt
Ein Hund durch ein Museum bellt
Wenn der Friedhofswärter, der niemals trinkt
Noch am off’nen Grab an zu lachen fängt
Wenn der Mond sich vor die Sonne schiebt
Und ein Greis ein Mädchen von siebzehn liebt
Da habe ich, mal kaum, mal viel
Die Hand im Spiel!
Ich bin mit jedem blutsverwandt
Doch bleibt mein Name ungenannt!

Es ist gut, dass niemand weiß
Dass ich Rumpelstilzchen heiß!
Hemba-hemba hé
Hemba-hemba hé

Soldaten, wenn sie vor der Schlacht
Heimlich rückwärts lauern und ganz sacht
Die Waffen von den Schultern zieh’n
Nicht glauben, dass die Feinde flieh’n
Wenn ein Richter vorm Automaten steht
Einen Blechknopf zwischen Fingern dreht
Seine Frau, schon ziemlich angegraut
Verträumt nach Italienern schaut
Die lachend um die Ecke gehe’n
Und stark ausseh’n
Da pfeif’ ich einen leisen Ton
Und flüst’re: „Na, nun macht doch schon!“

Es ist gut, dass niemand weiß
Dass ich Rumpelstilzchen heiß!
Hemba-hemba hé
Hemba-hemba hé

Ich bin es, der so oft bei Nacht
Unterm Bett liegt und so hämisch lacht
Und der, der hinterm Spiegel steckt
Der grinst, wenn man das Kinn vorreckt
Der von jeder Geschichte den Schluss verrät
Der beim dritten Mal wie ein Hahn aufkräht
Der auch gnäd’ge Frau’n ans Kreischen bringt
Wenn ein Wort fällt, das so glitschig klingt –
Und der Spruch an der Toilettentür
Stammt auch von mir!
Ich beiß’ auf Glas und knirsche laut
Und so entsteht die Gänsehaut!

Es ist gut, dass niemand weiß
Dass ich Rumpelstilzchen heiß!
Hemba-hemba hé
Hemba-hemba hé

Am Bahndamm, wo der Zug verkehrt
Der von Schilda nach Schlaraffia fährt
Wo Kinder ihre Höhlen bau’n
Weil sie sich nicht nach Hause trau’n
Wo der Rattenfänger von Hameln pfeift
Wo der Ziegenjunker der Scheren schleift
Wo der Wind durch tote Autos fegt
Wo der bucklige Oskar die Trommel schlägt
Da zünde ich am Abend dann
Mein Feuer an –
Ich tanze bis der Mond aufgeht
Und sing’ dazu mein altes Lied:

Es ist gut, dass niemand weiß
Dass ich Rumpelstilzchen heiß!
Hemba-hemba hé
Hemba-hemba hé

Märchen: Rumpelstilzchen (1819)

Es war einmal ein Müller, der war arm, aber er hatte eine schöne Tochter. Nun traf es sich, daß er mit dem König zu sprechen kam und zu ihm sagte: „ich habe eine Tochter, die kann Stroh zu Gold spinnen.“ Dem König, der das Gold lieb hatte, gefiel die Kunst gar wohl und er befahl, die Müllerstochter sollte alsbald vor ihn gebracht werden. Dann führte er sie in eine Kammer, die ganz voll Stroh war, gab ihr Rad und Haspel, und sprach: „wenn du diese Nacht durch bis morgen früh dieses Stroh nicht zu Gold versponnen hast, so mußt du sterben.“ Darauf ward die Kammer verschlossen und sie blieb allein darin.

Da saß nun die arme Müllerstochter und wußte um ihr Leben kein Rath, denn sie verstand gar nichts davon, wie das Stroh zu Gold zu spinnen war und ihre Angst ward immer größer, daß sie zu weinen anfing. Da ging auf einmal die Thüre auf und trat ein kleines Männchen herein und sprach: „guten Abend, Jungfer Müllerin, warum weint sie so sehr?“ „Ach! antwortete das Mädchen, ich soll Stroh zu Gold spinnen und verstehe es nicht.“ Sprach das Männchen: „was gibst du mir, wenn ich dirs spinne?“ „Mein Halsband,“ sagte das Mädchen. Das Männchen nahm das Halsband, setzte sich vor das Rädchen und schnurr! schnurr! schnurr! dreimal gezogen, war die Spule voll. Dann steckte es eine andere auf und schnurr! schnurr! schnurr! dreimal gezogen, war auch die zweite voll, und so gings fort bis [281] zum Morgen, da war alles Stroh versponnen und alle Spulen voll Gold. Als der König kam und nachsah, da erstaunte er und freute sich, aber sein Herz wurde nur noch begieriger und er ließ die Müllerstochter in eine andere Kammer[1] voll Stroh bringen, die noch viel größer war und befahl ihr, das auch in einer Nacht zu spinnen, wenn ihr das Leben lieb wäre. Das Mädchen wußte sich nicht zu helfen und weinte, da ging abermals die Thüre auf und das kleine Männchen kam und sprach: „was giebst du mir, wenn ich dir das Stroh zu Gold spinne?“ „Meinen Ring von der Hand,“ antwortete das Mädchen. Das Männchen nahm den Ring und fing wieder an zu schnurren mit dem Rade, und hatte bis zum Morgen alles Stroh zu glänzendem Gold gesponnen. Der König freute sich über die Maßen bei dem Anblick des Goldes, war aber noch nicht satt, sondern ließ die Müllerstochter in eine noch größere Kammer voll Stroh bringen und sprach: „die mußt du noch in dieser Nacht verspinnen, wann dir das gelingt, sollst du meine Gemahlin werden;“ denn, dachte er, eine reichere Frau kannst du auf der Welt nicht haben. Als das Mädchen allein war, kam das Männlein zum drittenmal wieder und sprach: „was giebst du mir, wenn ich dir noch diesmal das Stroh spinne?“ „Ich habe nichts mehr,“ antwortete das Mädchen. „So versprich mir, wann du Königin wirst, dein erstes Kind.“ Wer weiß, wie das noch geht, dachte die Müllerstochter und wußte sich auch in der Noth nicht anders zu helfen, so daß sie es dem Männchen versprach und das Männchen spann noch einmal das Stroh zu Gold. Und als am Morgen der König kam und alles [282] fand, wie er gewünscht hatte, so hielt er Hochzeit mit ihr und die schöne Müllerstochter ward eine Königin.

Ueber ein Jahr brachte sie ein schönes Kind zur Welt und dachte gar nicht mehr an das Männchen, da trat es in ihre Kammer und forderte was ihm versprochen war. Die Königin erschrak und bot dem Männchen alle Reichthümer des Königreichs an, wenn es ihr das Kind lassen wollte, aber das Männchen sprach: „nein, etwas Lebendes ist mir lieber, als alle Schätze der Welt.“ Da fing die Königin so an zu jammern und zu weinen, daß es das Männchen doch dauerte und es sprach: „drei Tage will ich dir Zeit lassen, wenn du bis dahin meinen Namen weißt, so sollst du dein Kind behalten.“

Nun dachte die Königin die ganze Nacht über an alle Namen, die sie jemals gehört hatte, und schickte einen Boten aus über Land, der sollte sich erkundigen weit und breit nach neuen Namen. Als am andern Tag das Männchen kam, fing sie mit Caspar, Melchior und Balzer an und sagte alle die sie wußte, nach der Reihe her, aber bei jedem sprach das Männlein: „so heiß ich nicht.“ Den zweiten Tag ließ sie herumfragen bei allen Leuten und legte dem Männlein alle die ungewöhnlichsten und seltsamsten vor, als: Rippenbiest, Hammelswade, Schnürbein, aber es blieb dabei: „so heiß ich nicht.“ Den dritten Tag kam der Bote wieder zurück und erzählte: „neue Namen habe ich keinen einzigen finden können, aber wie ich an einen hohen Berg um die Waldecke kam, wo Fuchs und Has sich gute Nacht sagen, so sah ich da ein kleines Haus und vor dem Haus brannte ein Feuer und um [283] das Feuer sprang ein gar zu lächerliches Männchen, hüpfte auf einem Bein und schrie:

“heute back ich, morgen brau ich,
übermorgen hol ich der Frau Königin ihr Kind;
ach, wie gut ist, daß niemand weiß,
daß ich Rumpelstilzchen heiß!“

Wie die Königin das hörte, war sie ganz froh und als bald das Männlein kam und sprach: „nun, Frau Königin, wie heiß ich?“ da fragte sie erst: „heißest du Cunz?“ „Nein.“ „Heißest du Heinz?“ „Nein.“

„Heißt du etwa Rumpelstilzchen?“

„Das hat dir der Teufel gesagt! das hat dir der Teufel gesagt!“ schrie das Männlein und stieß mit dem rechten Fuß vor Zorn so tief in die Erde, daß es bis an den Leib hineinfuhr, dann packte es in einer Wuth den linken Fuß mit beiden Händen und riß sich mitten entzwei.

In dieser zweiten Fassung läuft das Wochenende am Ende nicht einfach weg, sondern reißt sich entzwei. Zudem gibt es hier mehr Namensvorschläge der Königin.

Dokumentiert: Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden

Polizeiverordnung über die Kennzeichnung der Juden

vom 1. September 1941

Auf Grund der Verordnung über die Polizeiverordnungen der Reichsminister vom 14. November 1938 und der Verordnung über das Rechtsetzungsrecht im Protektorat Böhmen und Mähren vom 7. Juni 1939 wird im Einvernehmen mit dem Reichsprotektor in Böhmen und Mähren verordnet:

§ 1

(1) Juden, die das sechste Lebensjahr vollendet haben, ist es verboten, sich in der Öffentlichkeit ohne einen Judenstern zu zeigen.
(2) Der Judenstern besteht aus einem handtellergroßen, schwarz ausgezogenen Sechsstern aus gelbem Stoff mit der schwarzen Aufschrift “Jude”. Er ist sichtbar auf der linken Brustseite des Kleidungsstücks fest aufgenäht zu tragen.

§ 2

Juden ist es verboten
a) den Bereich ihrer Wohngemeinde zu verlassen, ohne eine schriftliche Erlaubnis der Ortspolizeibehörde bei sich zu führen;
b) Orden, Ehrenzeichen und sonstige Abzeichen zu tragen.

§ 3

Die §§ 1 und 2 finden keine Anwendung
a) auf den in einer Mischehe lebenden jüdischen Ehegatten, sofern Abkömmlinge aus der Ehe vorhanden sind und diese nicht als Juden gelten, und zwar auch dann, wenn die Ehe nicht mehr besteht oder der einzige Sohn im gegenwärtigen Kriege gefallen ist;
b) auf die jüdische Ehefrau bei kinderloser Mischehe während der Dauer der Ehe.

§ 4

(1) Wer dem Verbot der §§ 1 und 2 vorsätzlich oder fahrlässig zuwiderhandelt, wird mit Geldstrafe bis zu 153 Reichsmark oder mit Haft bis zu sechs Wochen bestraft.
(2) Weitergehende polizeiliche Sicherungsmaßnahmen sowie Strafvorschriften, nach denen eine höhere Strafe verwirkt ist, bleiben unberührt.

§ 5

Die Polizeiverordnung gilt auch im Protektorat Böhmen und Mähren mit der Maßgabe, daß der Reichsprotektor in Böhmen und Mähren die Vorschrift des § 2 Buchst. a den örtlichen Verhältnissen im Protektorat Böhmen und Mähren anpassen kann.

§ 6

Die Polizeiverordnung tritt 14 Tage nach ihrer Verkündung in Kraft.