Sage: Der Drache auf Drachenfels

Während das linke Rheinufer durch die Römerherrschaft bereits dem Christenthum zugeführt war, behaupteten auf dem rechten noch heidnische Horden ihre Unabhängigkeit, machten auch häufig Einfälle auf das andere Ufer und kehrten beutebeladen von da in ihre Heimath zurück. Bei einem dieser Raubzüge hatten sie auch eine christliche Königstochter entführt; der Sohn des Beherrschers der Löwenburg sah sie und entbrannte alsbald in Liebe zu ihr. Allein sie wollte, mochte man ihr nun noch so viel versprechen, ihre Hand einem Götzendiener nicht reichen.

Nun wohnte damals in einer Höhle jenes der sieben Berge, welcher mit seinen steilen Höhen sich in den grünen Wellen des wogenden Rheins spiegelt, ein grimmiger Drache, der Schrecken des weiten Landes. Kein Krieger, kein Ritter mochte mit ihm den Kampf aufnehmen, so grimmig blickte er auf seinen kühnen Gegner herab, der bald das traurige Opfer seiner ungestümen Wuth werden sollte. Ihm die schöne Jungfrau zu opfern, beschloß man im Rathe der Großen.

Am frühen Morgen des folgenden Tages, während der Drache noch in seiner Höhle schlief, schleppte man die Christin auf den Felsen und fesselte sie in der Nähe der Höhle an einen Baum. Rundum am Fuße des Felsens harrte eine Menge Neugieriger, auch der Königssohn von der Löwenburg. Gern noch hätte er sein Rachegefühl bezwungen, gern wäre er hinaufgeeilt, der Jungfrau Leben mit seinem eigenen zu schirmen, allein im Rathe der Großen war sie dem Tode geweiht worden und ihm durfte er sich nicht widersetzen.

Ruhig und unerschrocken stand sie da, sie zog aus ihrem Busen ein Crucifix und auf das Bild des Gekreuzigten heftete sie ihren vertrauungsvollen Blick. Plötzlich trat der Drache aus seiner Höhle hervor und wachsamen Auges spähte er ringsumher nach Beute. Kaum hatte er das für ihn bestimmte schuldlose Opfer erblickt, so eilte er wüthend und schäumend auf dasselbe hin, allein – o Wunder! als der Drache in der Hand der Jungfrau das Crucifix erblickte, ergiff ihn Schrecken und Betäubung, er stürzte zu Boden und rollte vom steilen Felsen in den hochbrausenden Strom, wo er in den tobenden Wellen sein ödes Grab fand. Der Gekreuzigte hatte gesiegt. Die Heiden eilten herbei und fielen der Jungfrau zu Füßen, preisend den, welcher ihr solche Macht verliehen. Alsbald ließ die Jungfrau aus ihrer Heimath Priester kommen, das Evangelium Christi zu verkünden, und als bei der ersten Taufe auch der Königssohn das Bad der Wiedergeburt empfing, reichte sie ihm zu unverbrüchlicher Treue ihre Hand. Noch heute zeigt man an der westlichen Seite des Drachenfelsen jene Höhle und wenn in segnendem Herbste die Weinlese dem fleißigen Winzer lacht, dann sammeln auch die Bewohner von Königswinter des Drachen feuriges Blut, das alljährlich am steilen Rücken des Felsens hervorsprießt.

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