Gedicht: Seelenkampf

Zwei Stimmen kommen nie zur Ruh’,
Der Seelenkampf währt unergründet:
Es gibt Vernunft den Gott nicht zu,
Den Liebe träumt und laut verkündet.

Du hast dem Zwist dein Ohr gegeben.
Es ist mein traurig’ Los, wie deins,
Mit diesem Widerstreit zu leben.

“Kein Vater leitet diese Welt”,
Sagt der Verstand, der urteilsschroffe,
“Hier, wo das Böse recht behält”,
Da spricht das Herz: “Ich glaub’ und hoffe.”

Mit etwas Liebe kommt man weit.
Hoff’ auch und glaub’ ihn, den ich preise,
Ich spüre Gott und Ewigkeit!
Doch der Verstand ruft: “Ja, beweise!”

Gedicht von Sully Prudhomme (1839 bis 1907), erster Nobelpreisträger für Literatur 1901