Dokumentiert: Erklärung des Bundeskanzlers und Vorsitzenden der SPD, Willy Brandt, zum Ausgang der Bundestagswahl am 19. November 1972

Ich bin in dieser Stunde allen Wählerinnen und Wählern Dank schuldig, die mit ihrer Stimme ihr Vertrauen in meine Partei und damit auch ihr Vertrauen zu mir bewiesen haben. Das ist für mich kein Augenblick der Triumphes, wohl aber ist es ein bewegender Augenblick der Genugtuung und des Stolzes und zugleich der Bescheidung; denn wir fühlen uns durch diesen Sieg unserer Sache in die Pflicht genommen. Ich erkenne in dem Wahlergebnis den Auftrag, zusammen mit Herrn Scheel und seinen Freunden die Arbeit fortzusetzen, die wir in den vergangenen drei Jahren gemeinsam mit Erfolg eingeleitet haben.

Die Mehrheit hat uns bestätigt, daß wir auf dem rechten Kurs sind. Nicht nur die Bevölkerung der großen Städte hat ihre kritischen Sympathien uns demonstriert.

Meine Partei begegnete draußen im Land einer zunehmenden Aufgeschlossenheit, und ich beobachte mit besonderer Freude den Geist wachsender Offenheit unter unseren katholischen Landsleuten. Den Freien Demokraten gratuliere ich zu ihren Gewinnen. Ich stelle fest, daß das Regierungsbündnis für beide Seiten gut anschlägt. Mein Respekt und meine Wünsche gelten selbstverständlich auch allen, die ich zu achten habe. Wir können in einer Demokratie nicht alle einer Meinung sein, und die Regierung ist und bleibt dem Ganzen des Volkes, dem Wohl des Ganzen verpflichtet.

Der Wahlkampf ist hart geführt worden, und nun wollen wir wieder zur guten Nachbarschaft zurückfinden. Freilich werden wir kaum vergessen können, daß wir auch gegen unlautere Formen, unlautere Methoden der Werbung, gegen Unsachlichkeit, gegen Treulosigkeit und gegen die inflationäre Schwemme von Geldern zu kämpfen hatten. Unsere Demokratie darf an solchen düsteren Praktiken nicht Schaden nehmen. Zum anderen sind vor allem von den Jungen bewundernswerte Energien für die Aufklärung der Bevölkerung mobilisiert worden. Und die echten Wählerinitiativen haben bewiesen, daß sie vielerorts ein neues bürgerliches, mitbürgerliches Selbstbewußtsein repräsentieren.

Der Zustrom des guten Willens wird uns helfen, unverzüglich mit der Arbeit zu
beginnen, die wir zu leisten haben. Es gilt mit der Verbesserung der Qualität des Lebens hier und jetzt anzufangen. Ohne Fortschritt gibt es keine Stabilität. Wir werden uns mit großem Ernst, freilich ohne Ängstlichkeit, um das Problem der Preise kümmern. Mit unserer Reformarbeit wollen wir ein gutes Haus bestellen, dessen Firste gewiß nicht in die Wolken der Utopie ragen. Die Stimme unseres Landes – und ich sage dies besonders gern in diesem Augenblick zusammen mit Walter Scheel –, die Stimme unseres Landes in der Welt hat an Gewicht gewonnen. Die Gefahr einer Isolierung der Bundesrepublik zwischen Ost und West ist gebannt. Wir werden im weltweiten Prozeß der Entspannung, der zugleich voller
Spannungen ist, mit großer Intensität teilnehmen, und wir werden jede Chance
nutzen, um die Einigung Europas vorwärts zu bewegen. Im kommenden Jahr
sollen die beiden Staaten Deutschlands Mitglieder der Vereinten Nationen
werden. Auch dies stellt uns neue Aufgaben, vor allem was die Beziehungen mit der DDR angeht, die den Menschen hüben und drüben helfen sollen. Wir wollen, was an uns liegt, zu einer neuen Norm der Humanität finden. Ich bin bereit, den Grundvertrag noch vor Weihnachten zu unterzeichnen.
Für den großen Auftrag, den wir gradlinig fortführen, suchen wir die Gemeinsamkeit der Verantwortlichen – bei meinen Freunden und bei dem fairen Partner der vergangenen drei Jahre. Ich suche sie aber auch bei der Opposition. Und ich hoffe, daß sie sich nun dazu entschließen wird, sich nicht länger in erster Linie als eine Interessengemeinschaft für den Regierungssturz zu betrachten. Für beide, für Regierung und Opposition, geht es um die Glaubwürdigkeit; denn von ihr lebt der Geist der Demokratie, von dem wir sagen können, daß er eine gesicherte Heimat in Deutschland gefunden hat. Diese Wahl hat die neue politische Mitte gestärkt. Ich werde das Notwendige tun, damit sie sich in den kommenden vier Jahren als die große, die bindende Kraft unsere Volkes bestätigen wird.

Nun gehen wir gelassen, doch mit Freude an die Arbeit für unsere Bundesrepublik Deutschland, für den Frieden, dem Wort verpflichtet, mit dem wir uns im Herbst 1969 auf den Weg machten: „Wir wollen ein Volk der guten Nachbarn sein im Inneren und nach außen.”

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