An Peter Altmaier

Lieber Peter Altmaier,

schon so einige kurze Diskussionen haben wir auf twitter geführt, wo Sie ja unter @peteraltmaier sehr umtriebig sind. Hier gebührt Ihnen übrigens mein uneingeschränkter Respekt – antworten Sie doch oft nicht nur auf meine polarisierenden Zwischenrufe. So wie gestern, als sich folgender tweetwechsel ergab:

@stagerbn
So, dank Zapfenstreich für wulff werde ich zum Nichtwähler. Und bisher noch keine Wahl verpasst… cc @peteraltmaier

@peteraltmaier
@stagerbn Das ist eine Entscheidung, die man GsD bei jeder neuen Wahl überdenken u revidieren kann!

@stagerbn:
@peteraltmaier wenn Sie mir erklären können, wieso Wulff diese Ehre verdient hat. Verstehe Merkels "Kadavergehorsam" nicht.

@peteraltmaier
@stagerbn Es geht beim Zapfenstreich nicht um individuelle Verdienste oder Fehler, sonst wäre das immer umstritten. Es ist "Demokr Repräsen"

Manche Themen sind zu kurz für 140 Zeichen, weswegen ich Ihnen hier ausführlicher antworten will.

Ich halte es für völlig unangemessen, für Christian Wulff einen solch groß angelegten ehrenhaften Abschied zu zelebrieren – und dies auch ganz unabhängig davon, ob er letztlich strafrechtlich verurteilt wird oder nicht. Wulff hat auch sonst hinreichend bewiesen, dass er dem Amt zum einen intellektuell nicht gewachsen war, zum anderen auch nie die für das Amt erforderliche Würde hatte.

Das Problem ist dabei – Wulff sieht das nicht ein, er sieht sich nach wie vor im Recht und von der "Journaille" zu unrecht aus dem Amt geschrieben. Sein ganzes bisheriges Verhalten nach dem Rücktritt zeigt das, angefangen vom Beharren auf dem Ehrensold. Auf den Punkt bringt es Christoph Dyckerhoff im Interview mit der Tagesschau zu Christian Wulff:

Er versucht krampfhaft, seine Scheinwelt aufrecht zu erhalten. Er glaubt immer noch, dass ihm Unrecht widerfahren ist und dass die anderen schuld sind. Er glaubt auch immer noch, dass er einen guten Job gemacht hat. Und er versucht zu retten, was zu retten ist, und wenn es nur ein Stück Fassade ist.

Traurig ist jedoch, dass Angela Merkel und viele andere Mitglieder der Bundesregierung an dieser Veranstaltung teilnehmen. Denn wenn auch viele zum Zapfenstreich geladene Gäste aus guten Gründen abgesagt haben, ist die Liste der am Zapfenstreich teilnehmenden Gäste leider noch lang genug. Und jeder Teilnehmer wird Wulff in seiner Sichtweise bestärken.

Noch fataler ist aber das Signal, dass Merkel und Co. damit öffentlich setzen: es ist nicht schlimm, es mit der Wahrheit nicht so genau zu nehmen. Es ist nicht schlimm, nicht zu seinen Worten zu stehen. Ganz im Gegenteil – wir ehren sogar noch jemanden, der so handelt.

Daher möchte ich Ihnen widersprechen: Natürlich gibt es grundsätzlich in Hinblick auf jede Person unterschiedliche Meinungen; ich respektiere politische Meinungen in einem sehr breiten Spektrum und habe jedes Verständnis für menschliche Schwächen. Doch Christian Wulff hat bewiesen, dass er gänzlich ungeeignet ist, diese Demokratie zu repräsentieren.

Eine Demokratie, die sich in, mit und durch Wulff repräsentiert, ist eine traurige, verlogene und kleingeistige Demokratie.

Mit vielen Grüßen,

Ihr Severin Tatarczyk

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