An Hape Kerkeling

Liebe Hape Kerkeling,

eigentlich wollte ich zu Wulff nicht mehr viel schreiben. Doch seit gestern juckt es mich in den Fingern, auf Ihre Wulff-Verteidigung (alternativer Link hier) zu antworten, da ich diese nicht unwidersprochen lassen kann.

Voranstellen möchte ich, dass Christian Wulff niemals hätte Bundespräsident werden dürfen. Einfach, da er nie das Format für das Amt hatte. Doch das ist ein anderes Thema.

Aber rund um den Präsidenten gibt es viele Skandale und Skandälchen, die ich hier ebenfalls gar nicht aufgreifen will, denn auch darüber wurde und wird genug geschrieben. Ob diese Anlässe – Urlaubsreisen, Flug-Upgrades, Kredite und vieles mehr – Grund genug für einen Rücktritt sind, darüber kann man trefflich streiten. Problematisch sind sie allemal. Und zumindest beim Flug hat er seinerzeit den Verstoß gegen das Ministergesetz von Niedersachsen eingestanden. Das war aber alles vor seiner Wahl zum ersten Mann im Staat. Und ob das für einen Rücktritt reicht? Wahrscheinlich für sich allein genommen nicht. Wulff hat aber Herrn Rau für weniger zum Rücktritt aufgefordert.

Was aber Christian Wulff zum Problempräsidenten macht, ist sein Umgang mit der Wahrheit. Wer hat ihm den Kredit gegeben? Wann sind die Kredite abgeschlossen worden? Wie kommt ein Kreditvertrag zustande? Was bezweckte er mit seinem Anruf bei Kai Diekmann? Auf all das und noch viel mehr kriegen wir keine, fragwürdige oder ganz offensichtlich falsche Antworten. Eine schöne Zusammenfassung gibt es übrigens beim ZDF.

Herr Wulff nimmt es mit der Wahrheit nicht genau, er ist für mich also ein notorischer Lügner. Allein schon deswegen ist sein Rücktritt überfällig.

Und er hat mindestens zwei mal massiv versucht, für ihn unliebsame Berichte zu verhindern – mit Methoden, die in keiner vernünftigen Mittel/Zweck Relation stehen. Das mag legitim sein, wenn man Präsident von Russland ist. Mit dem Amt des Bundespräsidenten ist das für mich aber nicht vereinbar. Auch das ist ein Grund für seinen Rücktritt.

Doch da gibt es noch einen dritten: Wulff spaltet das Land, wie es wohl noch nie ein Bundespräsident vor ihm getan hat. Gerade in Zeiten wie diesen sollte er das Land aber einen. Dass ihm dies noch gelingt, halte ich für faktisch ausgeschlossen.

Ach ja, lieber Hape Kerkeling. Es ist ganz egal, ob diese Skandale und Skandälchen von der Bild, dem Spiegel, der FAZ, der Süddeutschen oder dem Osnabrücker Kreisblatt ausgegraben werden. Das ändert nämlich nichts an den Fakten. Die Bild Zeitung ist den Kollegen vom Spiegel mit der Erstveröffentlichung eben nur kurz zuvorgekommen, wie man in der Branche munkelt. Sie müssen also nicht Ihre Abneigung gegen die Bild hier instrumentalisieren und daher jemanden verteidigen, der Ihre Verteidigung gar nicht verdient hat.

Und daher sage ich mit Überzeugung: Mach es, Kai!

Mit vielen Grüßen,

Ihr Severin Tatarczyk

4 Antworten auf „An Hape Kerkeling“

  1. Das Problem sind Berufspolitiker mit Hinterzimmererfahrung.
    Das Problem sind die Hinterbänkler aus dem ÖD.
    Kampf Springer gegen Bertelsmann.
    “Verfassungsrichter” Peter Müller; Wulff unterschreibt einfach alles.
    Opposition? Ei, wo isse denn!

    Izmir Übel

  2. Lieber Severin Tatarczyk,

    lesen Sie das mal:

    http://www.taz.de/Debatte-Taktik-der-Bild-Zeitung/!85148/

    Dann denken Sie noch mal über das nach, was Sie da von sich gegeben haben zur Rolle der “Bild” (welche wochenlang FAZ und andere Zeitungen bedrängt hatte, doch endlich über den Anruf auf Diekmanns Mailbox zu berichten).
    Der große Anschlag auf die Pressefreiheit wurde also mehrere Wochen als solcher gar nicht erkannt, und das von den “Leitmedien” der Republik. Vielleicht merken Sie un, wie absurd das Ganze ist?

  3. @Torsen. taz Beitrag habe ich gelesen, das ändert aber grdsl. nichts daran, dass Herr Wulff die Fehler gemacht hat… Über Details der Berichterstattung mag man freilich sicher streiten.

  4. @severint:

    Es ändert aber was an ihrem letzten Absatz. Das Vorgehen der “Bild”-Chefs hat mit aufklärerischem Journalismus null zu tun. Und in dem Punkt ist das, was Kerkeling sagt, schon etwas klüger.

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