Die Post-Smartphone-Ära fängt gerade an

Die Überschrift ist natürlich Clickbait…

Daher vorab: ich fand es schon immer eigenartig, von der Post-PC-Ära zu sprechen. Der PC ist immer noch da und wird auch noch lange bleiben. Ich fand daher den Begriff der „Not-Only-PC-Era“ auch passender.

Aber: wir werden bald auch von der Post-Smartphone-Ära sprechen.

der wahre Kern

Unbestritten ist derzeit aber das Smartphone das zentrale digitale Gerät für die meisten Menschen. Zwei aktuelle Gadgets und eine weitere Beobachtung deuten aber an, dass es diese zentrale Position nicht auf Dauer innehaben wird.

Zunächst einmal zu den beiden Gadgets, die mich auf diesen Gedanken bringen.

Zum einen ist dies Snap Spectactles, eine Kamera in einer Brille, mit der man kurze Videos für Snapchat aufnehmen kann, zum anderen Amazon Echo, das stellvertretend für die anderen intelligenten Lautsprecher ist, die bald auf den Markt kommen werden.

(Wem das jetzt alles zu lang wird: ganz unten gibt es ein tl;dr.)

Sprachassistenten zuhause

Besonders bei den smarten Lautsprechern bin ich mir sicher, dass diese in Zukunft die Smartphone Nutzung in den eigenen vier Wänden deutlich reduzieren werden. Glauben Sie nicht? Ich schon.

Hier einige Sprachbefehle, die Ihnen in Zukunft das Zücken des Smartphones ersparen werden:

Alexa, spiele meine Feierabend Playlist von Spotify.

Alexa, mach das Licht an.

Mach die Musik lauter.

Wird es morgen regnen?

Sage mytaxi, dass ich jetzt abgeholt werden möchte.

Wie hat der Effzeh gespielt?

…und der SmartSpeaker übernimmt.

Amazon ist mit Echo schon dabei, Google folgt mit Google Home und auch Apple arbeitet an intelligenten Lautsprechern, auf denen dann Siri zuhause ist. Microsoft sollte mitmischen (Cortana) und Facebook wird es wahrscheinlich (Messenger Bots). Viele andere werden folgen.

Ich bin mir sicher: zuhause werden wir in Zukunft viel mit unseren technischen Geräten reden.

Neue Gadgets…

Aber auch sonst wird sich vieles ändern.

Die Videobrille von Snap ist ein erster Anfang, ersetzt sie doch das Smartphone in seinem Kernkompenzbereich. Statt das Telefon zu zücken, wenn man Snaps aufnehmen will, drückt man einfach einen Knopf an der Brille. Das Phone bleibt in der Tasche.

Schaut man genau hin, sieht man viele Gadgets, die die Smartphone Nutzung schon jetzt reduzieren können und weiter reduzieren werden. Man denke an Smartwatches, die einen über eingehende Nachrichten informieren, die Bezahlfunktion bei derApple Watch oder Fitnesstracker mit eigenem GPS Tracking.

Später werden wir Ringe sehen, mit denen man bezahlen oder sich authentifizieren kann. Headsets, bei denen Siri, Google, Alexa oder Cortana schon gleich eingebaut sind. Moment – das ist eigentlich schon Realität: bei den AirPods von Apple: Ich regele alles mit Siri, das iPhone bleibt in der Tasche.

…und mitwandernde Inhalte

Das entscheidende aber: Apps, Bots und damit die Inhalte wandern nahtlos von Gerät zu Gerät mit.

Dazu ein einfaches Beispiel: Wenn ich jogge, zeigt mir meine Smartwatch eingehende WhatsApp Nachrichten an. Laufe ich konzentriert, merkt das die Uhr und liest mir wirklich wichtige Messages lieber vor, statt meinen Blick aufs Handgelenk zu richten. Im Auto wird auch vorgelesen oder ins HeadUp Dispay eingeblendet. Sitze ich mit meinem Tablet im Zug und lese, erscheinen die Nachrichten dort. Sitze ich vor meinem Surface oder tippe ich auf meinem MacBook landen auf Wunsch alle Benachrichtigungen dort.

All das geht übrigens schon ansatzweise – probieren Sie mal WhatsApp Web aus. Seitdem ich das nutze, hole ich am Schreibtisch mein Smartphone viel seltener hervor.

Videostreaming begleitet mich schon jetzt nahtlos vom großen Screen (Fernseher mit Xbox One) über mein Hybrid-Notebook bis zum Tablet oder eben auch Smartphone. Netflix sei dank. Das gleiche geht mit eBooks: auf dem Kindle und den verschiedenen Kindle Apps habe ich immer den gleichen Stand. Ein Text, den ich in Word auf dem Desktop begonnen habe, kann ich auf dem Surface oder gar Smartphone weiter bearbeiten.

Und jetzt denken wir noch alles ein wenig weiter: HoloLens, Kühlschränke mit Windows 10 (ja, gibt es), interaktive Spiegel, Wohnzimmertische mit Touchoberfläche, neue AIO PCs. Besonders großes Potential sehe ich übrigens für Google-Glass ähnliche Brillen im professionellen Bereich. So könnte ein Google Glass 2.0 im Krankenhaus Schwestern, Pflegern und Ärzten die Patientenakte und andere wichtige Informationen einblenden und lässt diesen so die Hände frei.

Zusammengefasst: Apps und Bots werden uns auf verschiedensten Geräten unterwegs und zuhause begleiten und dafür sorgen, dass das Smartphone als solches immer weniger genutzt wird.

Veränderte Smartphone Nutzung

Dass die Post SmartPhone Zeit schon begonnen hat, zeigt zudem eine weitere Beobachtung:

Bluetooth Headsets sind ein alter Hut (das iPhone bleibt in der Tasche…), aber ist Ihnen schon aufgefallen, dass vorwiegend jüngere Menschen das Smartphone nicht mehr ans Ohr, sondern wie ein Mikrofon vor ihr Gesicht halten? Es setzen sich völlig neue Arten der Nutzung durch, was Sascha sehr schön beschrieben hat. Immer weniger Leute nutzen es also wie ein altes Telefon.

Dies ermöglicht aber auch ganz neue Bauformen, denn letztlich orientiert sich das Smartphone immer noch an dem vom Telefonhörer abgeleiteten Candy-Bar-Handy.

Für viele Nutzer könnte die wichtigste Funktion des Smartphones sein, Internet-Connectivity für die verschiedenen Geräte zur Verfügung zu stellen, die man so mit sich herumschleppt – sozusagen nur noch der mobile HotSpot. Ein weitergehendes Anwendungszenario gibt es am Ende des Artikels.

Die Post Smartphone Ära im Bild

Zur Veranschaulichung zum Schluss noch eine kleines Diagramm, die einzelnen Abschnitte sollen die „gefühlte Bedeutung“ der jeweiligen Geräteklassen zeigen.

post-smartphone-era

Am Anfang war der PC das zentrale digitale Medium, begleitet allenfalls von PDAs (PalmPilot, Windows CE…). Das Handy war einfach ein Telefon und kommt hier daher nicht als digitales Gerät vor.

Viele klassische Nutzungszenarien des PC wurden dann durch Smartphones und Tablets abgedeckt, die Bedeutung des PC nahm entsprechend ab.

Und das gleiche passiert jetzt dem Smartphone, das beste Indiz dafür ist auch, dass der große Boom in diesem Segment inzwischen vorbei ist. DAS Gerät, das das Smartphone ablöst, wird es nicht geben – und weiterhin natürlich klassische Vertreter dieser Geräteklasse – doch viele neue Gadgets führen dazu, dass wir das Smartphone immer weniger nutzen werden.

Bonusmaterial: Das Ding nach dem Smartphone

Hier ein kleines Konzept, was für Geräte es in der Post-Smarphone Welt geben könnte, sozusagen der Nachfolger.

Das Basismodul

Herzstück ist ein kleines Gerät, das es in verschiedenen Ausführungen gibt.

Die einfachsten sehen aus wie ein alter dicker „USB Surfstick“ und haben nur einige wenige Status-LEDs. Sie verfügen über viel Akku-Kapazität, ein 5G Mobilfunkmodul, internen Speicher und natürlich Bluetooth und Hotspot Funktion. Mittels Headset kann man damit telefonieren und digitale Assistenten wie Siri, Cortana oder Alexa steuern.

Es gibt auch größere Ausführungen, die über massive Akku-Kapazitäten verfügen und auch als Powerbar eingesetzt werden können. Sie ermöglichen es damit, die anderen Gadgets, die man mit sich herumträgt, aufzuladen. Es gibt aber auch besonders kleine Varianten, die sich durch die Bewegungsenergie immer wieder selbst aufladen.

Andere sehen aus wie alte Candy-Bar-Phones und haben sogar Tasten, ein 640*480 Display sowie Mikro und Lautsprecher, manche sogar eine Kamera. Wieder andere orientieren sich an klassischen 4″ Smartphones. Alle Basis-Funktionen – Bots, Assistenten, Messenger, Telefonie, Kamera – lassen sich damit schon grundlegend nutzen. Meistens bleiben diese Basisstationen aber in der Tasche, manche sind sogar direkt in Brieftaschen oder andere Accessoires eingearbeitet.

Die wichtigste Aufgabe ist es, anderen Geräten 5G Internet und einen zentralen „Pufferspeicher“ zur Verfügung zu stellen. Geht man Abends weg, trägt man nur seine Smartwatch und nimmt vielleicht noch ein Kamera Modul mit, das besonders robust ist und über perfekte Low-Light Fähigkeiten verfügt.

Die meisten Nutzer werden im Alltag die Kombination aus Wireless Speaker und Smartwatch nutzen, tragen aber auch ein 5,5″ QHD Display mit sich herum, auf dem man Filme schaut und klassische Apps nutzt. Natürlich gibt es diese Screens auch in anderen Größen und Ausführungen. Sie reichen vom 3,5″ Mini Modul bis hin zu 12″ Displays. Das Display bleibt aber meistens in der Tasche.

Aber auch mit klassischen Notebooks, Hybridgeräten (iPad Pro, Surface Pro, Yoga Style)  und mit großen Screens zuhause kann sich das Basis-Modul koppeln und ermöglicht diesen die Internet-Kompatibilität und die nahtlose Nutzung von Bots, Apps und Inhalten. Einige Anwender werden als Display auch AI oder gar VR Brillen nutzen.

Auch im klassischen Auto und in sich autonom bewegenden Einheiten klinkt sich das Basismodul ein und sorgt dafür, dass einem das digitale Umfeld zur Verfügung steht, das man gerade braucht.

Noch weiter in die Zukunft gedacht braucht man dieses Basis-Modul gar nicht mehr. Internet-Connectivität ist überall mit hoher Bandbreite verfügbar.

Man authentifiziert sich einfach gegenüber den Geräten, die gerade da sind und die man nutzen will – biometrisch oder durch NFC Gadgets:  z.B. Ringe, andere Schmuckstücke, in Kleidung eingearbeitete oder gleich implantiert.

Setzt man sich einen Screen, gleich welcher Art, hat man gleich seine Inhalte verfügbar.

Das Smartphone hat viele Nachfolger und virtualisiert sich zusehends.

tl;dr

Das Smartphone verliert in naher Zukunft aufgrund neuer Gadgets seine erdrückende Bedeutung als zentrales digitales Endgerät. Es wird nicht den Smartphone Nachfolger geben, sondern eine Vielzahl an verschiedenen Geräten.

3 Antworten auf „Die Post-Smartphone-Ära fängt gerade an“

  1. Die Meinung teile ich absolut. Anders ausgedrückt: Die Industrie wird immer neue Möglichkeiten finden, uns das Geld aus der Tasche — äh — unsere Wünsche zu befriedigen. Obwohl ich selber in der Branche „Digitalisierung und neue Märkte“ arbeite, nervt mich das „Immer noch mehr vom Gleichen“ schon lange.

    Deshalb gehe ich am Wochenende lieber in den Wald. Mit abgeschaltetem Datenroaming. Und mit einem Gewehr: Einer Technik, die sich seit dem 19. Jahrhundert nicht wesentlich geändert hat und trotzdem eine Familie ernährt.

  2. Interessanter Artikel! Ich denke aber du hast einen Punkt der die Post-Smartphone-Era noch beschleunigt nicht stark genug herausgestellt. In meinem Konzern sprechen wir noch vom Smartphone als Fernbedienung des Lebens, aber diese Nutzung wird zunehmend durch Algorithmen überflüssig gemacht. Der selbstlernende IoT Prozess ist meiner Meinung nach ein stärkerer Treiber für diese Entwicklung als deine beschriebene Aufteilung des Smartphones auf verchiedene wearable-devices. Alexa ist natürlich ein Teil davon, aber das Ideal ist ja, dass unsere Gadgets gar keine (auch sprachliche) Bedienung mehr benötigen und wie es früher bei Apple hieß „einfach funktionieren“.

    Zuhause geht das Licht an, wenn man nach Hause kommt; das Auto heizt im Winter schon vor wenn die Wohnungstür zugeht, die Kaffeemaschine bestellt rechtzeitig Kaffee nach, der Kühlschrank stellt eine Einkaufsliste zusammen und lässt sie vom Supermarkt liefern etc.
    Damit braucht man das Smartphone dann ggf nur noch um initial die Einstellungen vorzunehmen und von da läuft alles alleine.

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