Der „Stern“ und der Fall Brüderle

What happens in Stuttgart stays in Stuttgart.

Sollte sich Herr Brüderle auf diesen Spruch verlassen haben, den man sonst in Zusammenhang mit Las Vegas kennt, ist er enttäuscht worden. Denn die Stern Journalistin Laura Himmelreich (@im_himmelreich) schreibt darüber, wie Herr Brüderle sie während des traditionellen Stuttgarter Dreikönigstreffens der FDP in einer Hotelbar „angemacht“ haben soll. Man könnte sogar sagen, er hat versucht, sie sehr dummdreist anzubaggern – jedenfalls stellt Himmelreich das so dar. Die ganze „Story“ wird in der Stern Ausgabe Nummer 5 erscheinen, wird aber heute schon notgeil auflagenheischend vorbereitend ausgebreitet.

Mir kommen dazu nur folgende Gedanken: Sollte Rainer Brüderle sich tatsächlich so verhalten haben, so ist das nicht sehr gentlemanlike und nicht in Ordnung. Punkt. Keine weitere Diskussion. Und auch weitere Sprüche Brüderles, die in dem Artikel zitiert werden, sind geschmacklos und nicht unbedingt mein Fall (worüber man aber lange diskutieren mag).

Das Verhalten der Frau Himmelreich und des Stern ist aber ebenso fragwürdig und geschmacklos.

Das fängt damit an, dass es absolut unprofessionell ist, ein offizielles Interview abends in einer Bar führen zu wollen. Sechs, setzen.

Doch spätestens dann, wenn man dann merkt, dass der potentielle Gesprächspartner schon angesäuselt wenn nicht sogar – Entschuldigung -hackebreit ist, sollte man das Vorhaben abbrechen. Das gilt um so mehr, wenn man feststellen muss, dass er einem mehr oder weniger plumpe Avancen macht. Frau Himmelreich hätte spätestens jetzt gehen sollen. Aber augenscheinlich fährt sie die Strategie, die im Stern selbst so beschrieben wird:

Offenherzigkeit gegen tiefes Dekolleté und klimpernde Wimpern. So einfach ist das manchmal wirklich, leider.

Scheint ja geklappt zu haben – denn jetzt ist die „große Brüderle Story“ im Stern, geschrieben in ziemlich beleidigenden Worten. Und in der ersten Fassung des verlinkten vorbereitenden Artikels ist auch noch Brüderles Familie einbezogen worden – immerhin das wurde gelöscht.

Angesichts der Umstände, wie alles zustandegekommen ist, wäre es besser gewesen, Frau Himmelreich hätte das unter vier Augen mit Rainer Brüderle geklärt oder meinetwegen über ihre Anwältin – aber nicht in dieser Form breitgetreten in der Öffentlichkeit.

Und auch der Zeitpunkt der Veröffentlichung ist fragwürdig. Alles ist schließlich schon vor über einem Jahr passiert. Es sieht sehr danach aus, als sei der Zeitpunkt gezielt gewählt worden, an dem eine Veröffentlichung den größtmöglichen Schaden anrichten kann. Ich bin geneigt, hier von Kampagnenjournalismus zu sprechen.

Die Diskussion über Sexismus in der Politik ist richtig und wichtig – aber auf diese Art erweist man dem Thema einen Bärendienst, in dem eine an sich notwendige Diskussion mehr als ein Gschmäckle bekommt und mit sachfremden Themen überlagert wird.

Wenn das aber Dominik Wichmanns angekündigte „journalistische Spitzenleistungen“ sind, dann „Gute Nacht, Stern“.

Nachtrag 25.01.2013 – Inzwischen hat sich wider Erwarten eine sinnvolle Diskussion rund um das Thema Sexismus in Politik und Gesellschaft entwickelt.

28.01.2013 – Hier noch ein interessanter Beitrag, wie es sich wohl Frau Himmelreichs Begegnung mit Brüderle in der Hotelbar zugetragen hat.

14 Antworten auf „Der „Stern“ und der Fall Brüderle“

  1. Ich war auch an dieser total überfüllten Hotelbar in der Nähe von Rainer Brüderle und habe das nicht gehört, vielmehr sind immer viele Leute um Brüderle herumgestanden, dass solche Gespräche ernsthaft gar nicht möglich waren.

  2. Mal wieder aus dem Zusammenhang eine Story aufgebaut. Es ging um eine Antwort auf die Journalistin, die sich über die Piraten beschwerte und ALLGEMEIN darum, dass Journalistinnen von Politikern nicht als Journalisten, sondern als Sexobjekt wahrgenommen werden.
    Dass sich das jetzt kreuzt mit der Inthronasiation, ist eine andere Sache.
    Nein, es sogar ärgerlich, weil das Hauptthema, die Distanzlosigkeit einiger Politiker Frauen gegenüber in den Hintergrund gerät.
    Immerhin ist aus anderen Ländern bekannt, dass es dort vergleichbare Probleme mit Politikern gibt und langsam entgegengewirkt werden kann.

    1. Laura Himmelreich schreibt auf twitter selbst, dass der Zeitpunkt der Veröffentlichung ganz bewusst auf diesen Zeitpunkt gelegt wurde. Ansonsten stimme ich zu, dass gerade durch den Zeitpunkt eine notwendige Diskussion unnötig überlagert wird.

  3. Wäre ich Politiker, heterosexuell, würde ich mich ab sofort weigern von einer „Journalistin“ interviewt zu werden.
    Nur Westerwelle, Wowerreit und andere Schwule werden sich noch interviewen lassen.

    Ja, liebe Frauen – macht nur weiter so!
    Nicht umsonst habt ihr die schlechter bezahlten Jobs! Nach Fähigkeiten, eben!

  4. Brüderle und Konsorten sind genau der Typ Männer, der es Frauen so schwer macht, sich am abendlichen „Netzwerken“ zu beteiligen (was vielleicht wichtiger für den Job ist als so manch gut geschriebener Artikel/gelungenes Projekt etc.). Also eine wohl durchdachte Strategie der „Old boys networks“, Frauen weiter außen vor zu lassen. Aus dem Grunde mag ich auch die von vielen Männern vorgeschlagene Alternative („Sie soll sich halt umdrehen und gehen“) nicht unterstützen.

    1. Interessanter Aspekt. Wie gesagt, korrekt finde ich Brüderles Verhalten auch nicht, glaube aber auch (oder hoffe), dass sich die Männer hier in den letzten Jahren etwas gebessert haben…

  5. @severin
    Zustimmung für den Einzelfall und das auf „alle“ zu schließen.

    Klarer Widerspruch für das nicht korrekte Verhalten. Moralisch vielleicht nicht, wenn der Mann verheiratet ist.
    Wenn nicht, wie soll ein Mann jemals zu einer Beziehung kommen, wenn er keine Frau mehr „anbaggern“ darf?

    Die Frau hat in diesem Fall nicht korrekt gehandelt. Kein Wort von ihr, dass sie das anbaggern nicht will (abends in einer Hotelbar!). Wie soll der Mann wissen, das er für sie total unattraktiv ist, da sie schon Blicke auf ihre offenherzig gezeigte Weiblichkeit als Belästigung empfindet?
    Gerade diese Offenherzigkeit sollte doch die Blicke von Andonis anziehen! Blöd nur, das der „liberale“ Politiker der „grünen“ Pressetussi per se schon unattraktiv scheint.

  6. Doch. Das ist „nicht korrektes Verhalten“ von Brüderle & Co. Denn es ist keine private Begegnung, wo sich die Reporterin jederzeit hätte wegdrehen können, sondern eine beruflich veranlasste. Dort erwarte ich Smalltalk und durchaus mehr Gesprächsthemen als das rein Berufliche – wenn es denn wechselseitig ist. Einen Kommentar dazu hat übrigens auch eine Kollegin verfasst, der solche Begegnungen früher häufiger passiert sind.
    http://www.wuv.de/medien/sexuelle_uebergriffe_und_bruederle_gate_eine_frage_des_machtgefaelles

    1. Ich sage ja gerade, dass Brüderles Verhalten nicht korrekt war. Allerdings war Ihre Kollegin Himmelreich ja auch nicht zu einem offiziellen Termin/Interview da, sondern eher zu so etwas wie einer Hintergrundrecherche im weitesten Sinne. mE hätte sie in dem Moment gehen können/sollen, als Brüderle in ihren Augen zu zudringlich wurde. Das ganze ist ein sehr schwieriges Feld und insbesondere stört mich an der Geschichte der gewählte Veröffentlichungszeitpunkt. Auch kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass von Anfang der Recherche der Auftrag/die Intention bestand, Herrn Brüderle als notgeilen Bock darstellen zu wollen.

  7. Was auch immer sie beruflich machen, mit journalismus hat es nix zu tun. sonst würden ihnen sie nicht so einen ahnungslosen satz wie „Das fängt damit an, dass es absolut unprofessionell ist, ein offizielles Interview abends in einer Bar führen zu wollen. Sechs, setzen.“ schreiben.

    1. Natürlich kann man ein offizielles Interview auch in einer Bar führen. Aber dann ist das vorher auch verabredet. Hier scheint es deutlich so zu sein, dass die Gelegenheit für ein „Interview“ genutzt werden sollte und Herr Brüderle das nicht wollte. Zu unterscheiden sind hier informelle Gespräche und Interviews.

Kommentar verfassen